It’s not a slow car. It’s a fast house!

Ganz in diesem Sinne wollen wir endlich unserer treuen und fast schon unglaublich zuverlässigen (es ist immerhin ein Fiat) 🙂 Giraffe – alias Fiat Ducato Wohnmobil – huldigen. Ganz am Anfang, als wir die Idee zu dieser Weltreise hatten und direkt nachdem wir uns einig waren Südamerika länger und vor allem mit einem Auto zu bereisen, stand die große Frage nach dem „wie“ im Raum. Im Grunde gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Ein Wohnmobil oder irgendwas Vergleichbares mieten. Diese Variante verpuffte relativ schnell, nachdem wir kurz nach Preisen für ein solches Unternehmen gegoogelt hatten. Unbezahlbar! Zweitens: Ein Auto in Südamerika kaufen. Klingt erstmal nicht schlecht. Unser Plan sah aber vor, dass wir im Norden Südamerikas, in Ecuador, starten und uns dann weiter südwärts durcharbeiten wollten. Autos in Ecuador (viele Overlander starten und enden in Chile und daher ist der Markt dort sehr viel größer als anderswo) werden nicht selten als Wertanlage gesehen und sind daher ziemlich teuer. Natürlich hätten wir auch ein Fahrzeug von anderen Overlandern abkaufen können. Der Nachteil hieran ist der Faktor Zeit. Wir hätten vermutlich lange suchen und evtl. sogar blind kaufen müssen. Dazu kommt die nicht unerhebliche Tatsache, dass man sich in dem Auto, in dem man 6 Monate lebt, auch ein Stück weit wohlfühlen muss. Ganz abgesehen davon das das Auto auch wieder verkauft werden möchte. Alles Punkte die uns dazu veranlassten zu Variante 3 zu greifen: Ein Auto in Deutschland kaufen und nach Ecuador verschiffen.

So ging es los: Die Feuerprobe an der Ostsee #carporn

Gesagt getan. Oder auch nicht. Die Suche nach dem richtigen Gefährt gestaltete sich sogar zu Hause relativ schwierig und langwierig. Wie wäre das wohl in Ecuador geworden? Wir wollten kein neues oder neuwertiges Wohnmobil für Südamerika kaufen. Der Transport und die schlechten „Straßen“ (wir sind mittlerweile über 1000 km komplett offroad über Stock und Stein unterwegs gewesen) hätten sicherlich nicht zum Werterhalt beigetragen. Also suchten wir im „bis 15.000 €“ Segment. Was es hier gab war aber entweder zu alt, zu hässlich, zu kaputt, zu teuer, zu klein, zu groß oder nur für 2 Leute. Irgendwann im April, die Zeit bis zum Start in die Weltreise wurde jetzt schon echt knapp, fand ich auf mobile.de einen weißen Fiat Ducato mit komisch aussehenden Hochdach (man könnte fast Hardtop sagen). Baujahr 2002, 224.000 km gelaufen, atemberaubende 84 PS, für 4 Personen zugelassen, mit nachgerüstetem Diesel-Partikelfilter (ist ja nicht ganz unwichtig in diesen Tagen), hässlichen Zierstreifen 🙂 und mit einem seltenen Camper-Ausbau.

Einige Tage ließ ich ihn auf meiner Watchlist bevor ich mit Thomas – dem Besitzer – Kontakt aufnahm. Es gibt ja immer solche und solche Verkaufsgespräche. In diesem hatte ich aber gleich ein gutes Gefühl. Ich glaube wir telefonierten über eine viertel Stunde bis wir alle Infos ausgetauscht hatten. Einen Tag später entschieden Jana und ich uns dann sogar für einen Vorvertrag und zu einer Anzahlung i.H.v. 5.000 €. Nicht das uns noch jemand zuvorkommen sollte. Der Ducato stand in Heidelberg. Also ein Stückchen entfernt von uns und definitiv zu weit um mal eben vorbei zu fahren. In diesem Vorvertrag vereinbarten wir fairer Weise dass, wenn irgendwas nicht passen sollte, wir die Anzahlung in voller Höhe zurückbekommen.

An der Laguna Cuicocha in Ecuador #carporn
Am Cotopaxi in Ecuador #carporn

3 Wochen später war es dann soweit: Wir saßen im ICE und fuhren nach Heidelberg. Thomas holte uns mit dem Ducato vom Bahnhof ab. Ich nahm direkt hinter dem Lenkrad Platz und nutzte die Strecke zu seiner Wohnung als Probefahrt. Es fühlte sich schon mal alles super an für ein 17 Jahre altes Auto. Zu Hause angekommen führte uns Thomas alles vor. Klar, Dellen und Kratzer hier und da, aber wie der Ducato sich selbst als Wohnmobil definiert, war direkt zum Wohlfühlen. Und das war schließlich das Entscheidende. Glücklicherweise benutzte Thomas den Ducato als Zweitwagen und schon länger nicht mehr als Wohnmobil. Ein Auto was bewegt wird geht nicht so schnell kaputt. Zudem wird der Campingausbau ein Stück weit geschont. Win-win. Wir besprachen uns kurz und schritten zur kurzen Preisverhandlung. Am Ende einigten wir uns auf faire 8.900 €. Kurze Zeit später saßen wir zu zweit im Auto und bogen auf die Autobahn Richtung Erfurt ein.

Der erste Höhenrekord – später sollten nochmal 900m obendrauf kommen #carporn
Nach 2h über Stock, Stein und Staub endlich am Parkplatz des Pastouri Gletschers (Peru) angekommen #carporn

Da war sie also. Unsere neue Giraffe. Obwohl der Name noch nicht so schnell geboren war. Das kam erst einige Tage später als wir zusammen mit Mika davorstanden und überlegten wem oder was dieses Auto wohl ähnlich sieht. Kurz, schmal und sehr hoch (3m). Ganz klar eine Giraffe. 🙂 Es folgte ein ausführlicher Werkstattaufenthalt, in dem die Giraffe ordentlich und für eine Menge Geld generalüberholt wurde, inkl. stärkerer Blattfedern und Dämpfer (perfekt für die Bodenfreiheit) an der Hinterachse. Mika erhielt statt eines Beckengurtes auf der Rückbank, einen richtigen 3-Punktgurt. Security first! Mit Jana’s Bruder Torsten tauschten wir anschließend die gesamte Wohnmobilelektrik aus, bauten Bauteile aus diesem Jahrtausend ein und bereiteten alles für die Solaranlage vor. Dazu kam ein 230V-Konverter samt weiterer Schuko-Steckdose, ein zusätzlicher externer Batterielader sowie USB-Steckplätze zum Laden der Telefone und Co. Zusätzlich reparierte ich in einer Sisyphus-Aktion die Zentralverriegelung. Am Ende war es nur eine defekte Sicherung. Darauf kommt man leider immer erst wenn man ALLES auseinandergebaut hat. 🙂 Das sollte übrigens nicht der einzige Spielverderber namens Sicherung bleiben. Am Ende haben wir sie doch alle irgendwann gefunden. Ein neues DAB-Radio (uijuijui) sowie ein neues Lautsprechersystem samt Verstärker (and the beat goes…) wollte danach auch noch eingebaut werden.

Irgendwie mag ich es ja an alten Autos rumzufummeln. Ganz zum Leid von Jana. 🙂 Der Höhepunkt bei diesem Kapitel war die Entfernung der fragwürdigen Zierstreifen (mit frischem Kreuzbandriss). Am Ende baten wir eine Lackierwerkstatt um Hilfe um alle Rückstände samt Aufkleber zu entfernen. Jetzt erstrahlt die Giraffe in ermattetem Weiß. Getreu dem Motto: Von außen pfui, von innen hui. Für Südamerika bestens getarnt. 🙂 Nach diesen ganzen Aktionen erhielt das Auto sogar noch ein Eco-Tuning und „fliegt“ nun mit satten 109 statt 84 PS über die Straßen. Für alle Anwendungsbereiche mehr als ausreichend wie wir nun rückblickend feststellen können und sehr positiv für den Diesel-Verbrauch.

Am höchsten Berg Ecuadors – dem Chimborazo #carporn
Treuer Freund in den Anden – hier an den Lagunas de Mojanda in Ecuador #carporn

Irgendwann im Juli, ein paar Tage bevor es losgehen sollte, machten wir schließlich einen Haken an das Projekt Wohnmobil für Südamerika. Mit allen notwendigen Sachen bestückt und in allerletzter Sekunde noch zwei neue Gasflaschen, einen Feuerlöscher und einen Reservekanister aus dem Baumarkt besorgt, hatten wir ein gutes Gefühl für unser Vorhaben. Wir flogen nach Las Vegas und die Giraffe blieb in Erfurt. Whaaaat? 🙂 Jaja, der Plan sah vor, dass wir unseren neuen Freund erst im Oktober abholen und benutzen wollten. Mit Familie Keller und vor allem Achim fanden wir einen super hilfsbereiten und zuverlässigen Fahrer, der den Transport nach Zeebrügge in Belgien übernahm. Glücklicherweise lag das mehr oder weniger auf der Reiseroute der Kellers. Nochmal tausend Dank dafür! So ging die Giraffe auf die Reise nach Ecuador.

Auch auf Salz macht sie eine gute Figur … also Jana und die Giraffe 🙂 #carporn
Damit auch jeder weiß wo wir herkommen 🙂 #carporn
Auch auf dem Wasser unterwegs #carporn
Auf unserer Route durch Bolivien #carporn

Nun aber genug der ganzen vorbereitenden Worte. Hier ein paar Bilder samt Facts.

1. Der Technikraum

Hier haben wir im Grunde alles neu verlegt, verkabelt sowie alte Technik komplett ausgetauscht. Eine neue 154 Ah Batterie fand auch Einzug.

2. Der (geräumige) Keller

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, hier (und generell in der Giraffe) geht unheimlich viel hinein. Wir staunen und wundern uns immer wieder.

3. Das Wohnzimmer

Der größte Raum des Objektes. Hier trifft sich alles. 🙂

4. Die Küche

Mit allem ausgestattet was man unterwegs so benötigt und zudem gut verpackt und verstaut. Den Kühlschrank betreiben wir unterwegs v.a. mit Strom aus der Bordbatterie. Die Sonne lädt diese dann wieder auf. Sollte die Sonne mal eine Pause machen, benutzen wir einfach Gas zum Kühlen. Rechts unten lässt sich das gesamte Geschirr verstauen. Über dem Kühlschrank ist das Besteck. Wie zu Hause. 🙂

5. Das Esszimmer

Eigentlich erst vor kurzer Zeit „entdeckt“ und lieben gelernt. Unser Esszimmer. Der Tisch selbst findet während der Fahrt und wenn wir ihn nicht brauchen schnell und unkompliziert im Hauswirtschaftsraum (s.u.) Platz. Die Tischdecke gabs übrigens in Chile. 🙂

6. Das Bad

Auch in der größten Not sind wie ausgerüstet und vorbereitet. Sofern es geht, betrachten wir das gute Stück aber eher als Nottoilette (obwohl es ganz normal funktioniert) und bevorzugen Restaurants, Tankstellen oder Campingplätze.

7. Der Hauswirtschaftsraum

Für alle Dinge die wir schnell verstauen und wiederfinden müssen. Echt praktisch und wieder richtig viel Platz.

8. Das Elternschlafzimmer

Hoch oben im Dach der Giraffe und meistens zusammengeschoben befindet sich das Schlafzimmer für die Großen. Von der Breite her auch für 2,5 Leute geeignet, hängen die Füße nach vorne schonmal gerne heraus. Ansonsten ist das Bett in wenigen Sekunden ausgezogen und aufgebaut. Viel praktischer und effizienter geht es eigentlich nicht.

9. Das Kinderschlafzimmer

Während der Fahrt sicherer Sitzplatz für Mika, des Nachts super große Spielwiese ohne die Gefahr herauszufallen (Experte Mika). Auf- bzw. abgebaut in 5 Sekunden. Auch hier kann man locker mit 2 Erwachsenen (und Mika dazwischen) schlafen.

10. Unendlich viele kluge Ablageflächen

Trotz seiner eher kompakten Abmessungen (von der Höhe mal abgesehen), ist das Auto mit sehr viel schlauen Ablageflächen ausgestattet. In der Technikecke befinden sich die Steckdosen, USB-Steckplätze, die Bedienung für die Standheizung und die Stromverbrauchsanzeige. Unter der Spüle finden die beiden Gasflaschen sowie Wasser und Abwasser Platz.

11. Last but not least: Der Fahrer

Fast wie bei jedem Auto und auch das ist gemütlich hier. Der Platz für den Fahrer. Für sein Alter fährt sich die Giraffe mit ihren jetzt 109 PS richtig gut.

Jetzt neigt sich unsere Zeit mit der Giraffe in Südamerika schon so langsam dem Ende entgegen. Über 5 Monate werden wir mit ihr und in ihr gelebt haben. Während dieser Zeit haben wir sie lieben und schätzen gelernt. Gerade deshalb nehmen wir den Oldie sogar wieder mit zurück nach Deutschland und werden ihn dort weiter aufrüsten und nutzen. Noch ist unklar wieviele Kilometer wir mit ihr unterwegs sein werden. Am Ende wird aber sicherlich eine Menge zusammenkommen. Ecuador, Peru, Bolivien, Chile, Argentinien und Uruguay. Alles Länder die sich auf dem südamerikanischen Kontinent schon ein Stückchen ausdehnen wie wir immer wieder feststellen müssen. 🙂

Und die Probleme bisher? Das wird ein kurzer Abschnitt. Null. Kaum zu glauben aber so ist es. Die technische Vorbereitung unseres Schraubers Stefan aus Gotha war Spitzenklasse. Die beste Investition unterwegs waren 360€ in All-Terrain-Reifen. 🙂 Ohne die wären wir jetzt nicht da wo wir sind. Nach deutlich über 1000km offroad und wirklich Stock und Stein staunen wir immer wieder was diese aushalten (müssen).

Anspringen tut die Giraffe immer. Egal auf welcher Höhe. Nur die Kälte ist manchmal ein Problem. Das liegt aber eher am „Sommerdiesel“. Der Kaltstart früh morgens am Cotopaxi auf 4600m zog dann schon etwas Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem wir den Dieselfilter mit einem handelsüblichen Föhn erwärmt und den Diesel damit wieder etwas flüssiger gemacht hatten, kamen Unmengen an Abgasen aus dem Auspuff. Nochmal sorry dafür. 🙂 Mittlerweile haben wir gelernt abends immer Richtung Osten zu parken, so dass die Sonne in der Früh den Part des Föhns übernimmt.

Beste Investition ever… #carporn
… All Terrain Reifen – haben uns schon mehrfach gerettet #carporn

Für die restlichen 7 Wochen hoffen wir das uns nichts Größeres mehr ereilt. Na klar, die schlechten „Pfade“ in Südamerika (ich nenne es mit Absicht nicht Straßen) hinterlassen ihre Spuren. Es klappert und quietscht mittlerweile überall. Das lässt sich aber alles wieder in Deutschland reparieren.

Bis dahin genießen wir die restliche Zeit mit unserer Giraffe bevor es ohne sie auf den letzten Teil unserer Reise nach Asien geht.

Gaaaanz allein steht sie da… #carporn

Ein Kommentar bei „It’s not a slow car. It’s a fast house!“

  1. Ich wollte schon lange wissen wie es in der🦒aussieht😉Nun habe ich die ganze Geschichte um euren treuen Freund erfahren. Danke für den Beitrag, lieber Meik👍Und allzeit gute Fahrt auf dem letzten Abschnitt und immer rechtzeitig eine ⛽auf eurer Reise um die🌏😉🙋‍♂️

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